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Fragment
der Berliner Mauer
Manfred
Julius Müller
Funktioniert
der Kommunismus doch?
Angesichts
des chinesischen Wirtschaftswunders reiben sich viele
Ökonomen erstaunt die Augen und fragen sich, ob der
Kommunismus vielleicht doch funktionieren
könnte.
Um
diese Systemfrage zu beantworten, scheint mir China ein
schlechtes Beispiel. Denn in China läuft es bekanntlich
erst, seitdem die strenge kommunistische Lehre nicht mehr
gilt und man sich Schritt für Schritt dem Kapitalismus
zuwendet. Zwar erleichtert in dieser Phase des Wandels (etwa
seit 1980) die diktatorische Struktur der beherrschenden
chinesischen KP die Umsetzung der Wirtschaftsreform, aber in
einer Demokratie wäre dies sicher auch gelungen, wenn
auch in einem langsameren Tempo.
Der
Nachbarstaat Indien gibt ein anschauliches Beispiel, dass
auch ein demokratisch gelenktes Entwicklungsland mit
Milliardenbevölkerung den Aufstieg schaffen
kann.
Das
größte Handicap des Kommunismus
Was
die Erfinder der kommunistischen Lehre vor 150 Jahren nicht
richtig eingeschätzt haben und zu der damaligen Zeit
mangels fehlender Beispiele vielleicht auch gar nicht
erkennen konnten, ist die Bedeutung des Egoismus für
die volkswirtschaftliche Entwicklung.
Die Chance auf persönlichen Reichtum und
gesellschaftliche Anerkennung ist die treibende Kraft, die
Menschen immer wieder zu Höchstleistungen anspornt. Das
Streben nach Erfolg bringt Kämpfernaturen hervor, die
sich voll und ganz der Erfüllung ihres Traumziels
verschreiben, die Tag und Nacht darüber brüten,
wie sie ein Produkt erschaffen, verbessern oder neue
Märkte erschließen können.
Diesen
enormen Kräften der Mobilisierung des menschlichen
Geistes hat der Kommunismus wenig entgegenzusetzen. Die
kommunistischen Länder haben versucht, diesem Dilemma
zu entgehen und sich immer neue Anreize zur
Leistungserhöhung ausgedacht. Es wurden Mindestnormen
eingeführt, 5-Jahres-Pläne aufgestellt,
Prämien und Auszeichnungen vergeben, Eliten
herangezüchtet und mit Privilegien geködert - aber
es brachte alles sehr wenig.
In
der breiten Bevölkerung herrschte trotz idealisierender
Propaganda weitgehende Resignation. Nachdem mehr und mehr
die Illusion eines wohlstandsmehrenden Kommunismus
verblasste, verfestigte sich die Abwendung und Abneigung vom
eigenem Staat und seiner herrschenden Klasse.
Die Idee des Volkseigentums wich einer leistungsfeindlichen
Mentalität nach dem Motto, "wie schummele ich mich
durch, ohne mich groß anstrengen zu müssen". Der
wachsende Phlegmatismus und Egoismus der in den
Staatsbetrieben Beschäftigten gepaart mit einer
wachsenden Korruptionsmentalität hat schließlich
zum Niedergang des Kommunismus entscheidend
beigetragen.
Das
zweite Handicap des
Kommunismus:
die Planwirtschaft
Als
ob der Kommunismus nicht bereits durch die ungenügende
Motivation der Bevölkerung genug gebeutelt wäre,
musste mit dem Instrument der Planwirtschaft noch ein
zusätzliches Hindernis geschaffen werden.
Wie
konnte man nur annehmen, dass sich der Bedarf der
Bevölkerung und der Wirtschaft im voraus präzise
errechnen und dies dann auch noch in einen Einklang mit der
Produktion bringen ließe.
Das Bestreben, solche Planungen überhaupt
durchzuführen, verrät bereits das geringe
Vertrauen an die eigene Innovationskraft - mit Neuerungen,
die alte Techniken ablösen, wurde anscheinend kaum
gerechnet.
Ungenügend einkalkuliert wurde auch die
Nichterfüllung von Normen, die zu einer ewigen
Mangelwirtschaft in der Zulieferindustrie führte und
oft ganze Produktionsanlagen für Tage und Wochen
stilllegte.
Ich
verstehe nicht, warum der Kommunismus überhaupt an der
Planwirtschaft festgehalten hat. Auch staatliche Betriebe
können schließlich einen nachfrageorientierten
Markt schaffen. Man müsste lediglich akzeptieren, dass
staatliche Firmen gegenseitig in einen echten Wettbewerb
treten und dürfte auch Firmenkonkurse nicht
ausschließen.
Hat man diese Konsequenz gescheut? Wusste man nicht die aus
einem Konkurs freigesetzten Leute an anderer Stelle
unterzubringen?
Das
dritte Handicap des
Kommunismus:
Das Recht auf Arbeit
Das
Recht auf Arbeit, die Beschäftigungsgarantie für
jedermann, scheint mir indes eines der größten
Systemfehler des existierenden Kommunismus gewesen zu
sein.
Sicher,
für die Arbeiter war es beruhigend zu wissen, bis zur
Rente versorgt und in den Arbeitsprozess eingebunden zu
sein. Aber diese staatliche Vollversorgung und
Garantieerklärung reduziert natürlich die
Motivation der Arbeiter auf ein Minimum.
Wer kaum entlassen werden kann, der muss sich auch nicht
sonderlich anstrengen. Und eine Minderheit von Idealisten
kann in einer solch leistungsfeindlichen Atmosphäre
wenig ausrichten.
Das
zweite Riesenproblem dieser verhängnisvollen
Arbeitsplatzgarantie: Die staatlichen Unternehmen hatten
kein effizientes Ventil, um durch Rationalisierung
überflüssig gewordene Mitarbeiter zügig
abzubauen. Somit wurde der größte Segen des
produktiven Fortschritts weitgehend vergeudet.
Das
vierte Handicap des
Kommunismus:
Demokratie und Kommunismus vertragen sich
nicht!
Es
ist sicher kein Zufall, dass in den kommunistischen
Ländern des 20. Jahrhunderts immer nur Diktaturen am
Werk waren. Das einzige demokratische kommunistische
Experiment (Chile) wurde leider von außen
gestürzt - das ist sehr bedauerlich, denn
höchstwahrscheinlich hätte sich auch dort schnell
gezeigt, dass der Kommunismus in einer freiheitlichen
Demokratie auf Dauer nicht bestehen kann.
Die
Ursache hierfür findet sich wiederum in der mangelnden
Leistungsfähigkeit des Kommunismus. Da der
Lebensstandard auf Dauer (wegen der bereits
aufgeführten Ursachen) mit dem Kapitalismus nicht
mithalten kann, können die Machthaber sich in einem
freiheitlichen System nicht behaupten.
Die
Wähler würden bei den sich zwangsläufig
einstellenden Misserfolgen wieder zu den kapitalistischen
Parteien überlaufen. Um dieser ständigen Bedrohung
zu entkommen und um sich ohne großen Erfolgs- und
Zeitruck entwickeln zu können, muss eine marxistisch
orientierte kommunistische Regierung notgedrungen zu
diktatorischen Mitteln greifen.
Es
kann ja auch nicht sein, dass sich konträre
Wirtschaftssysteme alle paar Jahre je nach Wahlausgang
abwechseln oder zumindest zur Disposition stehen. Sowohl der
Kommunismus als auch der Kapitalismus brauchen ein hohes
Maß an Kontinuität und Sicherheit, um sich
entfalten zu können.
Das
fünfte Handicap des
Kommunismus:
Der fehlende Gegenpol zur politischen Macht
Leider
ist es tatsächlich so: Der Kommunismus beschert ein
tiefes Machtvakuum, weil das Kapital als Machtfaktor
ausfällt. Wenn selbst die Medien dem "Volk"
gehören, ist auch von dieser Seite keine Korrektiv zu
erwarten. Denn "Volk" bedeutet letztlich "Volksvertreter",
das Volk selbst hat leider keinen Zugriff.
Da
also im Kommunismus den obersten Volksvertretern alle
Verantwortung aufgetragen wird, kann eine echte Opposition
nirgends aufkeimen. Etwaige Unzufriedenheiten in der
Bevölkerung finden kein Ventil und keine organisierte
Anlaufstelle, Proteste und Aufstände werden rigoros
unterdrückt und niedergeschlagen.
Würde
man freie Parteien zulassen, würde das kommunistische
Machtfundament schnell ins Wanken geraten - eine
kommunistische Regierung wird das aber selten zulassen, weil
sie damit ihren eigenen Untergang besiegeln
würde.
Das
sechste Handicap des
Kommunismus:
Die kommunistische Diktatur benötigt zur eigenen
Absicherung einen starken Geheimdienst
Ohne
einen starken Geheimdienst kann keine Diktatur existieren.
Die Machthaber müssen schließlich informiert
sein, wo sich Gegner formieren und wo sich Widerstand
bildet. Das bedarf auch einer regiden Bespitzelung der
eigenen Bürger, was wiederum eine breite
Atmosphäre des Misstrauens in der Gesellschaft
trägt.
Es
ist ein Teufelskreis: Die für den Machterhalt
unentbehrliche Observierung der Bürger verstärkt
die Abneigung und Leistungsverweigerung gegenüber dem
kommunistischen System.
Eigenen
Kommentar zu diesem Artikel (Nr. 271)
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Manfred J. Müller, Flensburg
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Manfred
Julius Müller
analysiert seit 30 Jahren weltwirtschaftliche
Zusammenhänge und veröffentlicht brisante
Aufsätze zu den heikelsten Themen. Er entwickelte neue
Wirtschaftstheorien, die weltweit neue Maßstäbe
setzten und in manchen Ländern in wichtigen Bereichen
die Gesetzgebung beeinflussten. Seine Websites erreichen im
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